Ich werde nicht älter als 25. Satz von Ella, den sie ständig wiederholte. Zum ersten Mal sagte sie ihn mit sechs. Bald darauf sperrte sie sich aus Trotz in ihr Zimmer, verkündete: Ich sterbe jetzt, lehnte sich aus dem Fenster, hing am Sims, ihr Vater schlug die Tür mit einer Axt ein, zog Ella hoch, drei Wochen Hausarrest. Mama, ich werde nicht älter als 25. Werd erst mal zehn, sagte Mama. Ich wählte 25, weil mir die Zahl gefiel, sagt Ella. Dieser Satz, ich werde nicht älter als 25, war das Erste, was ich über Ella wusste, sagt ihr Kinderpsychiater. Ich fand es eher beruhigend, dachte: Dann haben wir ja noch Zeit.

Zeit Entdecken

Er redet darüber, klar, warum auch nicht, er versteckt nichts. Er muss damit leben, ein Leben lang. Ich steh dazu, sagt er. Würde es nur um ihn gehen, dann würde hier auch sein Name stehen, sein wahrer, es geht aber nicht nur um ihn, daher hat er sich einen anderen ausgesucht: Adem. Es geht auch um Adems Frau, die ehemalige, die Tochter, den Sohn, ja, vor allem den Sohn. Ich rede, sagt Adem, öffnet seine Faust, spreizt die Finger, Fingerkuppen auf der Tischplatte, und wenn ich davon rede, wenn ich daran denke, dann denke ich, hätte ich mir mal lieber die Hand abgehackt, sagt er, schweigt, und die Fingerkuppen schlagen auf den Tisch, immer schneller. Irgendwann verliert man die Kontrolle, dann verpasst man eine Ohrfeige, sagt er. Eine Ohrfeige, mit der Hand einfach, das war nicht von schlechten Eltern, die hat schon gescheppert.

Zeit Entdecken

Kurz bevor es zu den Toiletten geht, bei dem Spielautomaten, über dem ein überdimensionierter „Kleiner Feigling“ leuchtet, stellt ein schmaler Mann mit dunklen Augen, die sich in ihre Höhlen zurückgezogen haben, einen Stuhl an einen Tisch, setzt sich und sagt: „Ich bin der Neue. Ich bin hier gerade mal so reingestolpert.“ Die zwei anderen Männer am Tisch wissen, dass das nicht stimmt. Er ist kein Neuer. Und wenn er jetzt gerade, an diesem 14. Februar, einem Donnerstag, hier reingestolpert ist, dann sicher nicht zum ersten Mal. Er wird das aber behaupten in dieser Nacht, die gerade erst begonnen hat, wird immer wieder sagen, er sei hier gerade reingestolpert, in diese Kneipe in einer Seitenstraße der Reeperbahn.

Zeit Dossier
Man muss sich Linda Dördelmann, eine von drei Millionen Beschäftigten im deutschen Einzelhandel, als glücklichen Menschen vorstellen. Der letzte Satz ist nicht ganz selbst ausgedacht. Er ist leicht abgewandelt von Albert Camus, der ihn einmal über Sisyphos schrieb. Sisyphos, jener bemitleidenswerte Held, der einen Stein den Berg hinaufrollen muss, der vor dem Gipfel immer wieder zurückrollt, ein Leben lang, ein ewiger Kreislauf aus Arbeit und Scheitern. Zeit Online

Bill küsst. Subjekt, Prädikat. Einfacher Satz, aber die Sache selbst ist kompliziert. „Ich habe noch nie jemanden vor der Kamera geküsst“, sagt Bill, „ich bin total schüchtern.“ Erste Szene bei den Dreharbeiten in Los Angeles für ein Video der neuen Single von Tokio Hotel: Bill Kaulitz sitzt in der Mitte des Sofas, rechts die Brünette, links die Blondine, hinter ihm die Rothaarige und drum herum junge, hübsche, halb nackte Menschen, alle eng umschlungen, alle küssend. Zweite Szene: Bill geht den Gang entlang, drängt sich zwischen zwei Frauen, die rummachen, nimmt sich eine; drum herum junge, hübsche, halb nackte Menschen, alle eng umschlungen, alle küssend. Dritte Szene: so ähnlich. 

Spiegel

Egon, der liebt die Aufmerksamkeit, sagt Alexander, ein Freund, 44 Jahre jünger als Egon. Wenn andere ihn nicht sehen, wenn er nicht so sein kann, wie er ist, dann fühlt er sich unwohl. Egon, der sieht nicht so typisch aus, er ist nicht so auffällig, teilweise sehen sie ja schon affig aus, Egon aber, der kleidet sich eher bieder.
Das sagt Gisela, 70, die Schwester von Egon. Egon ist 78. Egon wurde einmal zusammengeschlagen, die Nase so blutig, so übel zugerichtet, dass seine Mutter schrie und der Vater mit ihm zur Polizei lief. Egon sagt, er fühlte sich schuldig nach der Schlägerei, weil er schwul war, er dachte: Bloß nichts sagen, lieber so tun, als wäre nichts gewesen. Sonst: Skandal. Ein Schwuler in der Kleinstadt!

SZ Magazin

Jedes Kind weilt wahrscheinlich eine Weile in dem Glauben, dass die Welt, die es erlebt, die Welt ist. Dass es nur die eine ist, die es gibt. Als Kind, sagt Whib, kannte er nur das Land, auf dem er lebte, wie hätte er etwas von der Stadt ahnen sollen? Auf dem Land wurden Kühe und Schafe und Ziegen gehütet, wie könnte es irgendetwas anderes zu tun geben? Die Tiere waren seine Verantwortung, seit er sechs Jahre alt war. Diese Sache muss man sich einen kurzen Moment lang vorstellen, als wäre sie ein Bild, die Information wird ein Gemälde, ein eingefrorener Zustand. Ein kleiner Junge, und um ihn herum sind ausgestellt: zwanzig bis dreißig Schafe, fünfzehn Ziegen, drei Ochsen, ein Esel. Und nun laufen alle heraus, aus diesem Stilleben, das in der Realität ohnehin nie so existiert hat. Die Herde setzt sich in Bewegung, vor allem die Ziegen und die Schafe sind schnell und wuselig und nicht an der Stelle, wo sie noch eben waren. Sie brechen zu allen Seiten aus und der Junge läuft hinter ihnen her, über eine hügelige Landschaft aus Steinen, um sie zusammenzuhalten und an eine Wasserstelle zu geleiten.

Well:Fair Foundation

„Wenn ich an die Zeit denke, dann sehe ich Mama oben an der Treppe stehen, weinend, du bist weinend zu mir gekommen“, sagt Tina, die Ältere. „Ich sehe Mama im Bett liegen, wir sollen sie nicht stören“, sagt Ellen, die Jüngere. „Ich fragte nicht, warum das da ist, wer der Böse ist. Es gibt für mich kein Bild, keinen Geruch, keinen Geschmack. Ich kann nicht erklären, was oder wie diese Krankheit ist, nur, was sie mit Sabine gemacht hat“, sagt Michael, der Ehemann. „Es ist ja nicht so wie bei einer Grippe, da hast du Fieber und Schnupfen, hier sind die Symptome unterschiedlich“, sagt Tina. „Man kann nicht aufstehen, weil...“, beginnt Ellen. „Angst vor dem Leben“, unterbricht Tina. „Weil man Angst vor allem hat, was passieren kann, das lastet auf einem. Alles ist schwer, alles ist grau, man sieht die Farben nicht“, sagt Ellen.

Stern

Ja, was sollen wir denn von uns erzählen?, fragt die eine und setzt sich auf den Sessel neben dem Sofa, auf dem die andere sitzt. Doch die weiß auch nichts zu erzählen. Es schlagen zwei Uhren. Die eine hängt an der Wand. Den Klang, sagt sie, mochten sie nicht so gerne. Aber das Nussholz, ach Gott, es passte gut zur Schrankwand, also nahmen sie sie mit, von Uhren Becker, damals noch am Hauptmann-Platz. Nun schlägt sie schon zwanzig Jahre lang, immer zur vollen, immer zur halben Stunde. Die andere, golden, steht im Regal. Sie hat einen wunderbaren ..., ach, was rede ich, sagt sie, sie hatte ..., nun schlägt sie nur noch leise, aber seit sie beim Uhrmacher war, schlägt sie zumindest. Der Rest ist Stille.

Zeit Hamburg

„Was man 65 Jahre macht, macht man so lange, bis man die Augen zumacht“, sagt er und geht in seinen Garten, geht in ein Häuschen, das stand, bevor sein Haus stand, in dem er wohnt mit Inge, seiner Frau. Er öffnet die Tür des Häuschens, das man Schlag nennt, hebt die Stimme, sehr sacht, sehr sanft, als spräche er mit einem Kind, spricht Worte, die eher herb sind: „Ja wat denn, ja wat denn?“ Heinz-Willi Ritz begrüßt seine Tauben, und die Tauben gurren und flattern, Heinz-Willi Ritz lacht: „Ja wat denn?“

Zeit Wirtschaft

Der Himmel ist himmelblau, so blau, wie nur ein Himmel sein kann, ein paar Wölkchen drangehängt wie Bilder im Wohnzimmer. Da, am Horizont, eine Wolkengirlande, aber Moment mal, da ist doch was Spitzes hinter der Girlande! Ich stupse Takashi an. Er sitzt am Steuer. Mein Finger zeigt ins Himmelblaue, im Himmelblau ein Weiß, dahinter noch ein anderes Weiß. Takashi sagt nichts, er nickt nur und dann, mit einem Grinsen: „You are lucky.“

Zeit Entdecken—Reise